Trans Alp oder auch Team Carry unterwegs!

19.01.2010

Nach kurzem heftigen Gelächter ließ ich mich auf diese Idee ein, die Frage, die ich in die Runde stellte, war: an welchem Vormittag wollen wir über die Alpen rumpeln?

...da saßen wir bei der ein oder anderen Hopfenkaltschale in Rumänien und diskutierten über andere sportliche Herausforderungen (außer den gemeinen rumänischen Bären in den Tiefen des Waldes in die Augen zu schauen) und sprachen weiteres Endurolatein.

So wurden Stimmen laut, es sei auch eine Herausforderung, mit dem Fahrrad über die Alpen zu fahren.

Nach kurzem heftigen Gelächter ließ ich mich auf diese Idee ein, die Frage, die ich in die Runde stellte, war: an welchem Vormittag wollen wir über die Alpen rumpeln?

Dies wurde mein Verhängnis!

Der Sommer 2007 sollte nun den Startschuß geben. Der Frühling zog ins Land und passend zu dem tollen Wetter verkaufte ich mein altes Fahrrad und sollte nun ein neues Scott Ransom aufbauen. Zugleich verpflichtete ich zur Unterstützung des Teams meinen Bruder und baute ihm auch schnell noch ein Scott Hardtail auf.

Vielen Dank an die Jungs von Denk Engineering, die mit Rat und Tat dies überhaupt ermöglichten.

Die Fahrräder fertig montiert, kam pünktlich der zweite Wintereinbruch. Es blieb nun viel Zeit, mit anderen über das Vorhaben zu diskutieren und der Respekt wuchs mit jedem Tag.

Der Tag der Wahrheit rückte näher und die Zeit zum Trainieren floß mit dem andauernden Regen den Berg hinunter.

Und wie es kommen sollte, stand mein Bruder vor der Tür, es gab kein Zurück mehr - Fahrrad und ich wurden ins Auto verladen und ab nach Bregenz zum Startpunkt.

Dort trafen wir nun den Initiator der ganzen Unternehmung: Jörg.

Vom Bahnhof sollte es nun immer stetig aufwärts gehen. In Appenzell angekommen, fiel nun auf, daß jeder auf die Minimalisierung seines Gepäcks geachtet hatte und niemand eine Kamera dabei hatte.

Knud kaufte eine Canon Ixus 75, die uns mit brillianten Bildern auch später noch an diese Tour erinnern sollte. So starteten wir mit der neuen Kamera und einer Kanne Hopfenkaltschale in Bregenz auf 764 m am "Unteren Ziel".

Alsbald fielen wir in freudiger Erwartung auf den nächsten Tag in tiefen Schlaf. Die Sonne streichelte uns am nächsten Morgen wach und voller Energie sollte es nun gleich den ersten Paß hinauf gehen. Wir verabschiedeten uns von unserem Herbergsgevatter, der uns eine schöne Radtour wünschte mit den Worten: in der Schweiz ist alles ein wenig teurer, aber perfekt! Dies sollten wir anhand der guten Ausschilderung kennenlernen, diese nahm soweit überhand, als daß selbst an einer kleinen Hütte folgendes Schild zu lesen war:

Warum auch immer die schönen Wege den Wanderern vorbehalten sein sollte, wir ließen uns nicht von den Zäunen o.ä. abhalten und genossen die herrliche Aussicht. Ein schöne Sprichwort besagt: die Anzahl macht die Musik!?

Wurde doch bei der 34sten Zaunüberquerung von unserem Berliner Hochalpinisten die erste Stimme laut, daß es sich nun doch eher um das Team Carry handele?!

Die schönen Fahrstücke entschuldigten jedoch den Schweizer Drang, welche nun wohl versuchten, den Chinesen den Stahl abspenstig zu machen und diesen in Form von Zäunen das Land und sich selber einzuwickeln. Vielleicht auch eine Form der Weiterentwicklung?!

Ab über den Risipass, ja Resi i hol di mit dem Fahrrad ab. Angekommen auf der Leser Alp Hütte wurden wir von der Hüttenwirtin zu einer seltenen Schweizer Spezialität eingeladen: Nidelzone, ein ehemals traditionelles Almessen, welches heute nur noch von wenigen Hütten angeboten würde. Hierzu benötigt man offenes Feuer, eine gute alte hohe Pfanne, in erster Linie den Rahm frischer Alpenmilch und viel Geschick, welches sich nur von den Großmüttern lernen läßt. Gestärkt von dem Mahl kugelten wir den Berg hinunter, um uns in unserer Unterkunft im Massenlager auf die Strapazen des nächsten Tages vorzubereiten.


Die Hoffnung, in der Höhe etwas Kühlung zu finden, blieb uns verwehrt, so schwitzten wir die Berge rauf und runter. Sobald wir in ein Stück kühlen, schattigen Waldes kamen, gesellte sich zu den Steinen auf unserem Weg auch noch Matsch dazu - dieser malte unsere Reifen und Schuhe an, und nachfolgend mahlten auch unsere Ketten hörbar. Wer jedoch zu den Sternen will... und wie Jörg immer wieder motivierend von sich gab: es ist wie im Leben, es geht immer auf- und abwärts!  

Tatsächlich belohnte uns die Abfahrt mit einem tollen Downhill bis zum Walensee, der auch gleich unsere Badestelle war. Wohlriechend ging es nun nochmals 30km in das Hinterland. Hier schien die Welt aufzuhören und wir sollten nun von der Kante in das Unbekannte stürzen. Es kam aber ganz anders, der Verkehr nahm zu und viele Menschen mit weit aufgerissenen Augen begleiteten unseren Weg. Wie sich herausstellte, waren nicht wir der Grund für die großen Augen unserer Begleiter, sondern eine der größten Open Air Rave Alm Parties, die an diesem Tage stattfand.

Nun mußten wir wählen: Party, Musik, Spaß und trinken, oder lieber schwitzen, fluchen und treten? Was meint Ihr, wofür wir uns entschieden haben- na klar, wo ist die achtköpfige Peitsche, wo der Stein, den wir über die Alpen tragen sollen, wo die weiteren Gemeinheiten, die das Schicksal noch für uns bereit hielt?

In unserem Nachtquartier angekommen, waren wir uns nicht so sicher, ob uns irgendjemand Drogen in das Trinkwasser getan hätte, oder wir schon ob der Anstrengung halluzinieren. Eine Massenunterkunft, die es mit allen 4*Hotel aufnehmen könnte und ein Duschraum, welcher direkt aus den ersten Serien der Enterprise herübergebeamt schien. Mit Rucksackspeck bewaffnet, ging es nun über den Panixer Paß. Der Rucksackspeck schmolz schon bei dem ersten Schneefeld dahin, wie dieses selbst. So war zumindest für genügend frisches Gletscherwasser gesorgt.

Hydrate or die, hieß die Devise für 1400hm Fahrradtragen. Zwei dicke Blasen strahlten mich dann auch am Abend unter meinen Socken an. Ich dachte, ich hätte bei den Vorbereitungsgesprächen aufgepasst und die beste A-Creme mitgenommen, aber wer sollte auch wissen, daß Team Carry über den Panik-Paß will- und das zu Fuß!

Bestens verklebt ging es danach in das Rathaus, in dem wir in einem sehr schönen, alten Raum original Schweizer Alm Musik lauschen durften. Eine Kostprobe findet Ihr unter: picasaweb.google.de/Motorrad.Land.und.Leute

Wir erinnerten uns an die Worte, die uns der erste Herbergsgevatter mit auf den Weg gab: in der Schweiz ist alles perfekt. So standen wir schon am Folgetag vor einer Absperrung mit allen erdenklichen Informationen. Unser mitfahrender Rechtsanwalt klärte uns darüber auf, daß hier das Team Carry keine Erwähnung  fände und dies somit nicht für uns zähle!

So lachten uns bald die Steinböcke aus für unseren Mut, die Fahrräder den nächsten Paß  hochzutragen. Eine hochbrisante Abfahrt war der Lohn für die Schinderei- zumindestens für mich - einen weiteren großen Dank an die technische Meisterleistung des Equalizers- ich denke, jeder,  der ein Ransom gefahren hat, weiß, wovon ich spreche- ein Hoch auf die Denk-Boys!

Der Entsagungen nicht genug, suchten wir nun den Schweizer Biohof der Fam. Rothaus auf. Wir kamen nicht in den Genuß des gleichnamigen Bieres aus dem Schwarzwald, man servierte uns abgelaufenes Bio Bier. Das war nur die Grundlage für das nachfolgende Essen im Kreise der Familie. Geschlafen wurde mit Fußbodenheizung, denn in der Scheune, in der wir nächtigten, waren unter uns die Ziegen beherbergt.

Mit einem typischen Geruch ging es weiter in Richtung Italien.  Komisch nur, daß keiner mehr mit uns sprechen wollte und immer weitläufigen Abstand hielt;-) Jörg brach dann für uns die Lanze und sprang freiwillig in einen Gebirgsbach- und schon klappt es wieder mit den Nachbarn.

Angespornt von diesem Erlebnis badeten alle nochmals weiter unten in einem kleinen angestauten Bachlauf. Kaputt von den Anstrengungen des Tages hielten wir heute gleich an der ersten Übernachtungsmöglichkeit an, ließen uns nieder und bestellten Speis und Trank. Nur Knud konnte sich mit dieser Entscheidung nicht zufrieden geben und suchte sein Glück abermals auf dem Sattel seines Fahrrades, konnte uns aber zu einem Quatierwechsel nicht überzeugen. Widerwillens setzte er sich nun zu uns und ließ den Wirt seinen Unmut merken, welcher nicht auf den Mund gefallen Knud zum Meister des siempre reklamare krönte! So entwichen alle mit einem leichten Grinsen aus dem Tag in das Land der Träume.
Mit großen Tritten kamen wir nun unserem Ziel entgegen, also nochmal alle Tanks mit frischem Quellwasser füllen. Wenn wir erst wieder in der Zivilisation sind, gibt es nur gereinigtes Wasser aus der Leitung. Wir labten unsere Kehlen an jedem Brunnen und zu Abend gab es zur Krönung auf der Hütte Wildschwein aus Gesero mit Polenta, das gibt Kraft für den letzten Tag und dem Ende unserer Alpenüberquerung. Wir danken dem Wettergott, Jörg, unseren Beinen und allen, die wir noch vergessen haben;-) Wir kommen wieder!!!!


transalp92
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